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Kolumnen

Ich schreibe regelmässig Kolumnen für verschiedene Medien. Diese können sie hier lesen und als PDF herunterladen.

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Einmischung — natürlich im Sinne der Natur! – INSIST

Einmischung — natürlich im Sinne der Natur!

In der Schweiz gibt es wohl mehrere 100’000 Menschen, die bekennen, ihre Haltungen und Wertvorstellungen aus der Bibel und einer «persönlichen Beziehung zu Jesus Christus» abzuleiten. Sie treffen sich in Hunderten von Kirchen und Gemeindehäusern. Diese Organisationen haben mehrere tausend Angestellte. Es ist ein Privileg, wenn in einem Land die verbindliche Beziehung zum dreieinen Gott – und damit auch zum Schöpfer – einen solchen Stellenwert hat.

Sobald aber gesellschaftliche Fragen auf dem Tablett der direkten Demokratie zur Stellungnahme vorliegen, die weder die Sexualmoral noch den Beginn des Lebens betreffen, wird die «christliche Stimme» erstaunlich still. Wenn es um das Eigentum, die Organisation der Wirtschaft, die Lohngestaltung, die Rechte der Arbeitneh- menden und Minderheiten oder um den Umgang mit natürlichen Ressourcen geht, verstummen die Stimmen der «Gott-Vertrauten» und ihrer Organisationen.

Haben sich die Christen aus der Diskussion um die aktuellen Fragen unserer Gesellschaft verabschiedet? Haben der Umgang mit der Schöpfung und die daraus folgenden Fragen ihren Platz in der Kirche verloren?

Eigentlich liegt es doch in der «Natur der Sache», dass aus einer lebendigen Gottesbeziehung auch Positionen zu aktuellen Gesellschaftsfragen entstehen. Die «vertikale Beziehung» zu seinem Vater hat sich bei Jesus Christus auch «horizontal» ausgewirkt. Ich träume davon, dass die Kirche wieder politisch wird, Positionen bezieht und damit «bestimmungsgemäss» Entscheidendes zur Bewahrung der Schöpfung beiträgt. Dieses gelebte Bekenntnis von Christen wird andern Menschen etwas aufzeigen von der Wirklichkeit, die sich im angebrochenen Reich Gottes manifestiert.

Philipp Hadorn, 50 j., ist SP-Nationalrat, Zentralsekretär der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV, Präsident vom Blauen Kreuz Schweiz, hat drei erwachsene Söhne und lebt mit seiner Frau in Gerlafingen SO, wo er sich in der evangelisch-methodistischen Kirche engagiert.

DIESER ARTIKEL ERSCHIEN IM JUNI 2017 IM MAGAZIN INSIST

 

 



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PODIUM – IDEA SPEKTRUM

Von Freiheit & Wahrheit

Bürgerliche Kreise, Verbandsspitzen von Gewerbe und Handelskammern schreien nach Bürokratieabbau, weniger Gesetzen und mehr Freiheit. Will man in Debatten die Schlagworte konkretisieren, stösst man an Grenzen. Ein Schutzzoll hier, eine Exportgarantie dort. Dazu garantierte Mindestpreise oder Absicherung bei Ernteausfall? Bei Auftragsvergaben ein Heimvorteil oder Gegengeschäfte? Diese Einschränkungen und Regulierungen feiern Hochkonjunktur. Wenn es aber um den Schutz der Schwachen, Prävention und soziale Sicherheit geht, werden die plakativen Haudegen wieder munter gezückt. Dieses Jahr feiert das Blaue Kreuz seinen 140. Geburtstag. Das geltende Alkoholverbot auf Autobahnraststätten hat schon viele Menschen vor dem Fahren in angetrunkenem Zustand und Unfall bewahrt. Just in diesem Jahr starten Dogmatiker erneut einen Angriff auf die bewährte Schutzbestimmung. Einschränkungen können zu Freiheit und Sicherheit anderer Menschen beitragen. Die Waagschale zwischen Schutz und Freiheit ist ein Balanceakt, der immer wieder neu diskutiert werden darf. Wenn nun Ausgrenzer das Verteilen von religiösen Büchern unter Strafe stellen wollen, geht es zu weit. Heute ein Verbot für die Koranverteilung, und morgen? Es ist gut, wenn der Staat dafür sorgt, dass alle Gruppierungen in Einhaltung von Gesetz und Recht, Glauben und Haltungen leben dürfen, und auch Förderung und Akzeptanz unter gleichen Voraussetzungen erhalten. Der Staat verwaltet nicht die Wahrheit, soll aber Gerechtigkeit sichern. Dies gilt auch für J+S-Beiträge und Leistungen gemäss Kinder- und Jugendförderungsgesetz!

Philipp Hadorn ist SP-Nationalrat, Gewerkschafter des Verkehrspersonals SEV, Präsident des Blauen Kreuzes Schweiz.

DIESER ARTIKEL ERSCHIEN AM 14. JUNI 2017 IM IDEA SPEKTRUM SCHWEIZ

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PODIUM – IDEA SPEKTRUM

I have a dream

Während des Jubiläumsjahres des Reformators halte ich vor Studierenden der Uni Bern ein Referat über Martin Luther, also konkret über Martin Luther King jr. (MLK). Nicht über den Reformator, der mit seiner Glaubenserkenntnis Generationen prägt(e): Allein durch die Heilige Schrift – Rettung allein durch Glaube, Gnade, Christus. Ich sprach über den schwarzen Baptistenpfarrer aus dem Süden der USA, der aus dem Glauben an Christus eine gesellschaftliche Revolution auslöste. Das soziale Unrecht, die Rassentrennung mit anhaltender Diskriminierung der „Sklavenkinder“ machten den Pfarrer zum Bürgerrechtler. Mit dem Marsch auf Washington 1968 führte dies zur Verabschiedung des „Civil Rights Act“. Der gewaltfreie Widerstand brachte wichtige Schritte zur Gleichstellung und MLK den Friedensnobelpreis. Seine Ablehnung des Vietnamkrieges liess ihn bald zur „Persona non grata“ im Weissen Haus und auch bei einigen seiner Mitkämpfenden werden. Das Zeugnis von Martin Luther King liess Tausende Menschen etwas von der revolutionären Kraft des Evangeliums erleben.

Um den 1. Mai 2017, wo die Schweizer Gewerkschaftsbewegung den Slogan „Zukunft für alle, sozialer, gerechter“ durch die Strassen, in Versammlungslokale und Gemeindehäuser tragen, stelle ich mir vor, dass auch viele Christen mit durch die Strassen unserer Dörfer und Städte ziehen. Und, dass sie damit bekennen, dass sie die sozialen Ungerechtigkeiten wahrnehmen und verbannen: sola fide, sola gratia, solus Christus. – I have a dream!

Philipp Hadorn ist SP-Nationalrat, Gewerkschafter des Verkehrspersonals SEV, Präsident des Blauen Kreuzes Schweiz.

DIESER ARTIKEL ERSCHIEN AM 04. MAI 2017 IM IDEA SPEKTRUM SCHWEIZ

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Solidarität ohne Grenzen – Insist

Solidarität ohne Grenzen

Sind Sie Schweizer oder Schweizerin? Haben Sie einen EU-Pass? Oder zählen Sie sich zu einer anderen Nationalität? Für die ersten Christen war die Nationalität schon bald keine Frage mehr.

Sie zogen ausser Lande, um das Evangelium Christi zu verkünden. Die Apostel sammelten gar Geld im Ausland für die verarmte Gemeinde in Jerusalem. Die grenzüber- schreitende Solidarität zeigte etwas auf: Gemeinsame Regeln, gegenseitige Unterstützung und inhaltliche Auseinandersetzungen – hier zum Spannungsfeld «Glauben und Leben» – gehören eng zusammen.

Die Europäische Union (EU) mag an Ausstrahlungskraft verloren haben. Auffallend sind die unterschiedlichen Lebensverhältnisse in den Mitgliederländern. Von einzelnen Parteien wird der Exit proklamiert und der Nationalismus nimmt zu.

Der kulturelle und wirtschaftliche Austausch hätte eigentlich Wohlstand für alle bringen sollen, und nun kommen gesellschaftliche und ökonomische Differenzen deutlich zum Vorschein. Bei der Auseinandersetzung, nach welchen Prinzipien und Regeln Staat und Wirtschaft funktionieren sollen, tauchen Widersprüche auf: Soll der Glaube an den Wettbewerb oder die gegenseitige Unter- stützung die Zukunft Europas prägen?

Die abendländische Kultur hat ein christliches Erbe. Die Anerkennung von Gleich- und Andersdenkenden lässt sich gerade auch mit dem christlichen Bekenntnis begründen. Es ndet einen Ausdruck in Menschenrechten, persönlichen Freiheiten und sozialem Ausgleich. Generation für Generation erleben wir das Hinterfragen der internationalen Zusammenarbeit. Bündnisse werden eingegangen, um Frieden zu sichern, Märkte zu erschliessen, Not zu lindern und persönliche Vorteile zu ergattern. Der Motivationen sind viele.

Ich bin überzeugt, dass Christen auch ihre nationale Identität bewahren dürfen. Gleichzeitig sollten sie die Stärke haben, auch andere Identitäten zu achten und zu respektieren. Diese Offenheit kann zu Verunsicherungen führen. Austausch und Solidarität mögen etwas kosten. Aber der Mut zur Nachfolge und Jüngerschaft auch in der Begegnung mit dem Nächsten hat eine Verheissung, welche jeden Aufwand wettmacht: Das ist nichts weniger als erlebte Gnade!

Philipp Hadorn, 50 j., ist SP-Nationalrat, Zentralsekretär der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV, Präsident vom Blauen Kreuz Schweiz, hat drei erwachsene Söhne und lebt mit seiner Frau in Gerlafingen SO, wo er sich in der evangelisch-methodistischen Kirche engagiert.

DIESER ARTIKEL ERSCHIEN IM APRIL 2017 IM MAGAZIN INSIST

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PODIUM – IDEA SPEKTRUM

Podium

Abstimmungen und Wahlen prägen das Leben von Politikerinnen und Politikern. Bei Abstimmungen gilt es, Sachverhalt und Empfehlung zu erklären. Bei Wahlen, sich selbst und die eigenen Positionen bekannt zu machen und zu begründen, weshalb „mein Name“ auf der Wahlliste erscheinen soll. So weit, so gut. Kandidierende sollten selbst wissen, weshalb sie ein Amt anstreben. Bei Christen hoffe ich, dass dies etwas mit der Suche nach Berufung zu tun hat. Wählende haben Anspruch, etwas von mir zu erfahren. Meine Wahlen für Kantons- und Nationalrat prägte mein Slogan: klar.gewerkschaftlich, klar.christlich, klar.sozial. Berater meinten, mit meiner „Triologie“ würde ich Wählende vergraulen. Ich sehe darin eine grosse Schnittmenge und will diese deklarieren. Mit Erstaunen entnahm ich dem Interview eines Nationalratskollegen in ideaSpektrum die Aussagen: „Mein Auftritt ist konsequent auf die Interessen der KMU ausgerichtet“ und „es gibt keine christliche Politik“, aber der Glaube sei vermehrt in der Öffentlichkeit zu thematisieren. Als bekennender Christ, Sozialdemokrat, Gewerkschafter und Nationalrat bin ich dem Gemeinwohl verpflichtet. Eine blinde Interessenvertretung für die eigene Klientel würde für mich im Widerspruch stehen zur „Suche nach der Stadt Bestem“¹. Auch wenn es im Detail schwierig sein mag, zu beurteilen, was eine christliche Politik ist, glaube ich immer häufiger zu erkennen, dass es in gewissen Fragen eine klar unchristliche, der Lehre Christi widersprechende Politik gibt. Diese meide ich.

¹Jeremia 29,7 – die Politik soll dem Gemeinwohl verpflichtet sein

Philipp Hadorn ist SP-Nationalrat, Gewerkschafter des Verkehrspersonals SEV, Präsident des Blauen Kreuzes Schweiz.

DIESER ARTIKEL ERSCHIEN AM 22. MÄRZ 2017 IM IDEA SPEKTRUM SCHWEIZ

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PODIUM – IDEA SPEKTRUM

Podium

Just am Montag, nach Erlass des Einreisebannes durch den neuen US-Präsidenten, fliege ich an eine Konferenz nach Washington D.C. Namen von Reisenden erscheinen beim Abfluggate auf der Anzeigetafel. Meldung beim Boarding-Desk wird verlangt. Später verlassen einige dieser Wartenden das Gate. Es waren Menschen, welche – wie ich – mit gültigem Ticket und Visum in die USA reisen wollten. Doch Trumps Fremdenhass grenzt sie aus. Auf dem Flughafen in Dulles werden wir von einer riesigen Menschenschar mit Plakaten empfangen: „Willkommen in den USA“, „Solidarität statt Ausgrenzung“, „Miteinander statt Gegeneinander“. Hilfswerke bieten kostenlose Anwälte für Personen, welchen die Einreise verweigert wird. Donald Trump, der Meister des Spiels mit der Angst, der Erbauer überwundener Grenzen für Menschen und Güter, der Prediger von Steuersenkungen und Ernenner von Hörigen und Kollegen aus dem eigenen Business-Netzwerk, schafft Fakten. Vor wenigen Wochen wurde er in den USA gewählt. Tausende sprechen bereits von einem Fehlentscheid. Und wir? Wir gehen am 12. Februar abstimmen: Plünderung der Staatskasse mit massiven Steuersenkungen für Unternehmen und ein aus der Balance geratener Strassenfond NAF stehen im Angebot, dazu die Frage, ob der dritten Generation von Menschen mit Herkunft aus anderen Ländern die Hürde zum Schweizer Pass ein wenig gesenkt werden soll. Auch wenn wir Christen aus Gnade leben, dürfen wir Geist und Verstand durchwegs vor Entscheidungen in Anspruch nehmen.

Philipp Hadorn ist SP-Nationalrat, Gewerkschafter des Verkehrspersonals SEV, Präsident des Blauen Kreuzes Schweiz.

DIESER ARTIKEL ERSCHIEN AM 8. FEBRUAR 2017 IM IDEA SPEKTRUM SCHWEIZ

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Wer in Gott eintaucht, taucht bei den Armen wieder auf! – Insist

Wer in Gott eintaucht, taucht bei den Armen wieder auf!

Das Bildungsangebot der Schweiz ist beachtlich. Grundsätzlich gibt es in der Schweiz einen Konsens über die Bedeutung der Chancengleichheit. Erst seit den kürzlichen Sparübungen im Parlament wird am Prinzip der unentgeltlichen Erstausbildung kräftig geritzt. Aber: Für die Entwicklung eines Menschen sind nach aktueller Lehre «lieben, fördern und fordern» lebenswichtig. Gegenwärtig werden die Rahmenbedingungen für die Entwicklung der Jungen von «Staatsabbauern und Steuer-Erosionisten» bereits in der Schweiz arg bedrängt, in Entwicklungsländern ist die Situation dramatisch.

Bei einem Besuch in Madagaskar musste ich kürzlich zur Kenntnis nehmen, wie viele Kinder wegen den Materialkosten auf den Schulbesuch verzichten. Mit der Abgabe von UNICEF-«School-Kits» wird durch Partnerorganisationen versucht, hier Abhilfe zu schaffen. In Kriegs-, Flücht- lings- und Katastrophengebieten werden heute Millionen von Kindern ihrer Chancen beraubt. Es fehlt an einer gesetzlichen Grundlage der Durchsetzung und/oder Infrastruktur, damit die Basis zur Entwicklung gelegt werden kann. Laut Parlamentsbeschluss sollte die Schweiz 0,7% des Nationaleinkommens in die Entwicklung von Menschen ausserhalb ihrer Grenzen investieren. Aktuell drückt das Parlament diese Beiträge auf unter 0,5%. Dabei geht es um Millionen – nicht nur Franken, sondern auch um Menschen in Not, Armut und im Krieg – oder auf der Flucht. Was hat dies alles mit «integriertem Christsein» zu tun? Kann ich Loblieder singen und vorbeigehen, wenn andere verwundet sind? Kann ich beten, ohne selbst zu handeln? Kann ich mich entscheiden zwischen evangelikal und sozial? Das zu beantworten haben viele versucht. Diese Antwort trifft den Kern: «Wer in Gott eintaucht, taucht bei Menschen – bei den Armen – wieder auf!» Vielleicht ist dies das wahre Geheimnis der Jahreslosung 2017*, sicher aber der Schlüssel zu einer gelebten Solidarität!

*Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch (Hes 36,26).

Philipp Hadorn ist Nationalrat SP, Zentralsekretär der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV und lebt mit seiner Frau und den drei Jungs in Gerlafingen SO, wo er sich in der evangelisch-methodistischen Kirche engagiert.

DIESER ARTIKEL ERSCHIEN IM JANUAR 2017 IM MAGAZIN INSIST

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PODIUM – IDEA SPEKTRUM

Podium

Der Schein der dritten Adventskerze erhellt unsere Stuben. In der Kuppelhalle im Bundeshaus steht nun vor dem 24 Tonnen schweren Monument mit den „drei Eidgenossen“ ein mächtiger Weihnachtsbaum. Zu Fragen der Tabakprävention, Finanzen und der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative ereifern wir uns in den Räten. Schuldenbremse, Budget 2017, Finanzplan 2018-2020 und ein sogenanntes Stabilisierungsprogramm sind traktandiert. Letztere haben es in sich. Stabilität ist Grundlage des Friedens in unserem Land. Dazu gilt es Sorge zu tragen. Kaum jemand möchte Errungenschaften vergangener Jahrzehnte missen: Begrenzung der Höchstarbeitszeit, Mindestanspruch von Ferien, Familienzulagen, Versicherungsleistungen bei Mutterschaft, Krankheit und Unfall, Frauenstimmrecht, Gleichstellung, Renten im Alter und bei Invalidität … Die Liste liesse sich verlängern. Für Gerechtigkeit, Solidarität und Sicherheit braucht es vertrauenswürdige, effiziente und bürgernahe Institutionen und Verwaltungen. Mit einem „De-Stabilisierungsprogramm“ stellen bürgerliche Parlamentsmehrheiten diese Stabilität in Frage. Ein zerstörender Spareifer erfolgt aber nicht etwa aus Not. Trotz wachsender Bevölkerung und Zunahme des Reichtums, sollen vernünftig steigende Staatsausgaben gedrosselt werden, auch die Solidarität mit Leidenden im In- und Ausland. Es wäre wohltuend, die Adventshoffnung mit der Jahreslosung 2017 erfüllt zu sehen: Gott schenkt uns ein neues Herz und legt einen neuen Geist in uns.*

*Hesekiel 36,26

Der Autor ist Nationalrat der SP, Gewerkschafter des Verkehrspersonals SEV, Präsident vom Blauen Kreuz Schweiz, engagiert sich in der evang.-method. Kirche und lebt mit seiner Frau und den drei Söhnen (19, 21 & 24 j.) in Gerlafingen SO, www.philipp-hadorn.ch.

DIESER ARTIKEL ERSCHIEN AM 14. DEZEMBER 2016 IM IDEA SPEKTRUM SCHWEIZ

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Gastbeitrag – Milliarden für alle oder wenige? Was die Schweiz wirklich ausmacht

Milliarden für alle oder wenige? Was die Schweiz wirklich ausmacht

Gastbeitrag von Philipp Hadorn*

Die Nachricht: Über 2 Milliarden Franken soll gemäss dem «Bilanz»-Rating das Durchschnittsvermögen der 300 Reichsten in unserem Land sein. Rund 500 000 Franken sei das durchschnittliche Vermögen der Bevölkerung. Demgegenüber besitzt die Hälfte der Menschen in unserem Land weniger als 95 000 Franken.

Der Kommentar: 1989 hatten die 100 Reichsten in unserem Land 66 Milliarden. Das entspricht etwa dem vorgesehenen Budget 2017 der Schweiz. 2 Milliarden machte der Bund in den vergangenen zehn Jahren Überschuss – und zwar pro Jahr.

Vielen Menschen in unserem Land geht es gut. Das macht Freude. Probleme haben Menschen in Tieflohnbranchen, mit kleinen Renten, Eltern mit mehreren Kindern oder wenn Familien auseinanderbrechen. Auch Krankheit kann in materielle Not führen. «Wenn Ende Lohn noch so viel Monat übrig bleibt» wird bittere Realität. Zudem gibt es auch die Menschen in der «Warteschlaufe». Nach der Flucht aus Verfolgung ist unklar, ob sie bei uns ein Bleiberecht erhalten. Sie müssen mit dem Allernotwendigsten durchkommen.

In der nationalen Finanzpolitik setzen wir uns mit diesen Themen intensiv auseinander. Finanztechnisch heisst dies beispielsweise Schuldenbremse. Über ausserordentliche und ordentliche sowie gebundene und ungebundene Ausgaben wird debattiert. Spar- und Abbauprogramme werden munter geschnürt.

Doch was steht dahinter, wenn die Vermögen in unserem Land stetig wachsen, persönliche Ansprüche steigen, Wahlmöglichkeiten zunehmen und der Hunger nach Konsum unersättlich wird?

Gleichzeitig leben unter uns Menschen, denen der Berufseinstieg nicht gelingt, als «50plus» keinen Job mehr finden, Ergänzungsleistungen oder Sozialhilfe brauchen oder nur dank Prämienverbilligung die Krankenkasse bezahlen können. Menschen fühlen sich geplagt von Existenzängsten und erleben unsere Leistungsgesellschaft als Bedrohung.

Was ist nun die Aufgabe unseres Staates? Instrumente zur (sozialen) Sicherheit entwickeln und Chancen anbieten! Eine rechtsbürgerliche Mehrheit im Nationalrat will das Umgekehrte. Die Leistungen des Staates werden gekürzt. Durch die Aufgabenverteilung zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden treffen die Abbauvorhaben inzwischen Prämienverbilligung, Bildung, Infrastruktur und den öV, faktisch die ganze Palette des Service public. Auch vor Kürzungen der Beiträge für Jugend, Sport, Gleichstellung und internationale Zusammenarbeit wird nicht haltgemacht.

Weshalb soll die öffentliche Hand bei wachsendem Wohlstand derartige Krisenszenarien fahren? Unser Staat wird «schlechtgeredet». Ein jahrelanges «Staatsbashing» trägt seine Früchte. Nicht wenige Menschen in unserem Land glauben, jeder Steuerfranken sei verlorenes Geld. Vergessen wird die Palette der Leistungen, die dieser Staat erbringt. Am Schalter werden wir als Kunden behandelt, funktionierende Infrastruktur von Wasser, Energie bis Entsorgung ist Standard, und unser öffentliches Bildungswesen sichert, dass eine angepasste Ausbildung mit Entwicklung und Entfaltung möglich ist.

Trotz vergleichsweise tiefen Steuern folgt nun der Bubentrick mit der «Einnahmen-Erosion». Unternehmenssteuerreform III, Strassenfonds NAF u. a. m. sollen Löcher in die Staatskasse reissen. Bereits auf Vorrat wird auf Kosten von Sozialem und der Umwelt gespart. Der Höhepunkt bildet wohl das «Beinahe-Ausscheren» aus der internationalen Solidarität, mit der Abkehr von den Zielen für die Entwicklungshilfe.

Warum weigern sich rechtsbürgerliche Kreise, genügend Mittel für die Durchsetzung «ihres» restriktiven Asylgesetzes bereitzustellen? Warum werden dem Bundespersonal mehr Stress und schlechtere Arbeitsbedingungen verpasst? Wie kommt eine SVP dazu, mit uns das Bundesbudget 2017 abzulehnen, wenn sie doch für ihre «destabilisierenden Vorhaben» weitgehende Mehrheiten fand? Nur ungelöste Probleme schaffen Verunsicherung und können für Kampagnen missbraucht werden. Oder schliesst sich ganz einfach der Kreis, dass gewisse Kräfte den Staat auf Superreiche ausrichten wollen?

Bleiben wir haushälterisch und sorgsam mit unseren öffentlichen Mitteln. Schauen wir, dass auch Recht und soziale Sicherheit gut organisiert gewährleistet bleiben – für Menschen von «hüben und drüben». «Eine Gesellschaft misst sich daran, wie sie die Schwächsten behandelt» – eine Adventsbotschaft, die sich bereits aus der Bibel in Matthäus 25, 40 ableitet. Tragen wir Sorge, dass die Willensnation Schweiz ihren Zusammenhalt und ihre Solidarität nicht auf dem Altar der «Jagd nach dem schnellen Geld» opfert. Parlament und Volk haben die kommenden Wochen Gelegenheit, den Tatbeweis zu erbringen.

* Philipp Hadorn ist SP-Nationalrat und Zentralsekretär der Gewerkschaft SEV und leitet die SP-Delegation der Finanzkommission. Er lebt mit seiner Frau und den drei Söhnen in Gerlafingen SO. 

Dieser Beitrag erschien am 04. Dezember 2016 in der Schweiz am Sonntag (Link)

 

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PODIUM – IDEA SPEKTRUM

Podium

Die Themen Grundversorgung und Service public beschäftigen Bevölkerung und Politik regelmässig. Der erneute Umbau der Post füllt Zeitungsspalten. Die SBB macht Schlagzeilen mit ihrem RailFit-Programm, das auch Verkaufsstellen ausdünnt und Arbeitsbelastungen ausreizt. Aus allen Regionen, Parteien und Milieus tauchen Fragen auf. Effizienzprogramme lösen einander ab, bevor laufende umgesetzt sind. Kostensenkungsprogramme können längstens nicht mehr durch Optimierung realisiert werden. Öffentliche Leistungen werden abgebaut, Spar-/Abbauprogramme geschnürt. Just in diesem Moment gibt der Bund bekannt, dass die Jahresrechnung 2017 über 2,2 Mia. besser ausfalle. Gleichzeitig reklamiert der aktuelle Finanzminister, dass der Abbau unbeirrt weitergeführt werde. Die Jagd auf gute Steuerzahlende, Private oder Firmen, führte zu einem Steuerwettbewerb, der plötzlich kantonale und kommunale Budgets in Schieflage bringt. Ja, gesetzliche Projekte in der Pipeline (USR III, NFA u.a.m.) drohen eine eigentliche Einnahmenerosion zu provozieren. Ein weitgehend gut funktionierender Staat wird mit einem Bashing diskreditiert. Während wirtschaftlich Starke locker den Wegfall staatlicher Leistungen mit eigenen Einkäufen wettmachen, rüttelt der Staatsabbau an unseren Grundwerten. Unter dem Titel „Gerechtigkeit macht ein Volk gross“ steht in Sprüche 14,31: „Wer die Schwachen unterdrückt, beleidigt den Schöpfer. Wer Hilflosen beisteht, ehrt Gott.“ Liebe zu Gott wird sichtbar in der Liebe zum Mitmenschen – (m)ein Ansporn!

Der Autor ist Nationalrat der SP, Gewerkschafter des Verkehrspersonals SEV, Präsident vom Blauen Kreuz Schweiz, engagiert sich in der evang.-method. Kirche und lebt mit seiner Frau und den drei Söhnen (19, 21 & 24 j.) in Gerlafingen SO, www.philipp-hadorn.ch.

DIESER ARTIKEL ERSCHIEN AM 01. NOVEMBER 2016 IM IDEA SPEKTRUM SCHWEIZ

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