Predigt anlässlich des Gottesdienstes vom 26. August 2018 in der ref. Kirche in Lommiswil

Predigt anlässlich des Gottesdienstes vom 26. August 2018 in der ref. Kirche in Lommiswil

Predigt anlässlich des Gottesdienstes vom 26. August 2018 in der ref. Kirche in Lommiswil 400 266 Philipp Hadorn

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Farbe macht bunt

Textlesung: Markus 10, 17-27 * Reichtum und Nachfolge

Die Anfrage Ihres Pfarrers Ottfried Pappe zur Mitwirkung in einem Gottesdienst hat mich bereits im Februar erreicht. Der Themenbereich «Glaube und Verantwortung» hat mich angesprochen. Aufgewachsen in Selzach habe ich auch einen regionalen Bezug zu „Euch Reformierten“ hier, zu dieser Kirche, welcher ich seit meiner Kindheit bis heute angehöre, auch wenn ich seit Jahren aktiv am Gemeindeleben der evangelisch-methodistischen Kirche in Gerlafingen teilnehme.

Doch jetzt ist mein heutiger Predigt-Sonntag näher gerückt. Kennen Sie das? Sie hören von einem Projekt, welches spannend tönt. Sie sind begeistert, erklären sich zur Mitarbeit bereit, und wenn es dann darauf ankommt, ja dann ist so viel los, dass eigentlich die Zeit fehlt… aber die ansteckende Begeisterung ist durchwegs noch da. So ist es auch mir bei diesem Predigt-Vorhaben ergangen.

Möglicherweise geht es einigen von uns auch so, wenn wir an unseren Glauben denken.

Vielleicht haben Sie in Ihren Jugendjahren eine Begeisterung für Jesus, den Glauben an Christus, erlebt. Vielleicht waren Sie fasziniert von den Verheissungen und Zusprüchen von Gott, die Sie in der Sonntagsschule oder im Konfirmanden-Unterricht gehört hatten.

Vielleicht kannten Sie auch eine Person, deren Glaube Sie beeindruckte. Und dann wurden Sie älter. Es stellten sich Fragen zur Berufswahl. Sie gingen Beziehungen ein. Einige davon haben sich vielleicht auch wieder aufgelöst. Vielleicht erlebten Sie Freude, aber auch Stress und Sorgen – mit Partnerinnen, Partnern, Kindern oder betagten Eltern. Später forderte wohl auch die berufliche Karriere ihren Tribut und in all dieser Zeit landete die Begeisterung für das «Projekt Glaube» auf einem der hinteren Plätze, vielleicht gar auf dem Abstellgleis. Kennen Sie das? Doch heute sind Sie da – in einem Gottesdienst.

Auch in der Bibel begegnen uns solche Geschichten. Als Lesung hörten wir den Text aus Markus 10 – die Story vom «reichen Jüngling». Ein Mann begegnet Jesus. Er ist seit jeher von Gott fasziniert. Er fragt Jesus nach den Voraussetzungen für das ewige Leben. Sie haben es gehört: Jesus zählt die Gebote von Mose auf. Und dann, was kann der «reiche Jüngling» sagen? Seit seiner Jugend habe er all diese Gebote eingehalten.

Entschuldigt, ich möchte niemandem zu nahetreten, aber ich würde keiner einzigen Person in diesem Raum eine solche Aussage glauben: Niemals gegen eines der zehn Gebote verstossen zu haben, und das seit der Jugend… unmöglich. Ich jedenfalls kann das von mir nicht behaupten.

Offensichtlich traf dies aber beim «reichen Jüngling» zu. Die Aussage scheint bei ihm wirklich wahr gewesen zu sein. Was für ein Mensch – «Hut ab», ich bin beeindruckt! Echtes «Gläubigsein», echte Nachfolge!

Doch was bedeutet «Jesus nachfolgen», «Christ-sein» genau? Im Matthäus-Evangelium legt Jesus im Kapitel 25 dar, was Nachfolge, gelebter Glaube an ihn, bedeuten könnte. Im Gleichnis vom Weltgericht führt Jesus sein Gerichtsurteil aus (Verse 34ff.):

34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!

35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.

36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben?

38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet?

39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Der «reiche Jüngling» aus der Eingangslesung erfüllte wohl auch all die Ansprüche Gottes. Ja, er wird auch gespendet und grosszügige Almosen gegeben haben. Hören Sie die Erwartung, den Anspruch Gottes an uns aus diesem Text? Haben Sie sich auch schon überlegt, was das für Sie in Ihrem Leben in der heutigen Zeit bedeuten könnte? Wollen und können Sie diesen Ansprüchen genügen?

In meiner Jugendzeit engagierte ich mich an der Kantonsschule in Solothurn in der Bibelgruppe. Dort kamen junge Menschen aus verschiedenen Landes- und Freikirchen unserer Region zusammen. Ich hatte immer den Eindruck, je nach kirchlichem Hintergrund auch ganz verschiedene Prägungen wahrzunehmen, d.h. unterschiedliche «Stallgerüche» riechen zu können.

Während einige die Ansprüche und die Aufforderungen von Jesus an seine Nachfolger – also an uns glaubende Menschen – begründeten, wiesen andere auf eine andere Seite Gottes hin.

Auch diese andere Seite kann man aus demselben Text vom Weltgericht aus Matthäus 25 als Hauptbotschaft durchwegs verstehen:

Jesus sagt, wenn wir einem Notleidenden helfen würden, hätten wir IHM geholfen, oder wenn wir Fremde aufnähmen, hätten wir IHN aufgenommen … und so weiter.

Konkret sagt Jesus in jenem Text: Er, Jesus, identifiziere sich selbst mit den Armen, den Fremden, den Häftlingen und Bedürftigen. Jesus nimmt die Menschen also einfach an. Voraussetzungslos. Und zwar alle! Denn wer war nicht schon einmal bedürftig oder in Not? Oder wer fühlt sich nicht auch gelegentlich fremd, sei dies unter Vertrauten oder Fremden?

Ja, neben dem Anspruch von Christus an seine Nachfolger, also an uns, für unsere Mitmenschen Gutes zu tun, ist in demselben Text ein klarer Zuspruch von Gott– an uns alle.

Betrachte ich die Geschichte vom «reichen Jüngling» mit dieser Zuspruchs-Perspektive, fällt mir neben dem vorbildlichen Verhalten des «reichen Jünglings» etwas anderes auf: Der kurze Satz von Jesus, bevor er die Aufforderung zum Verkauf allen Reichtums gegeben hat. Wir lesen: Und Jesus sah ihn an … und gewann ihn lieb.

Weil Jesus Menschen derart liebt, schreibt er unseren Einsatz für Mitmenschen auch sich zu! Wenn er sagt: Ich war hungrig und du hast mir zu essen gegeben, ich war durstig und du hast mir zu trinken gegeben, ich war fremd und du hast mich aufgenommen, ich war krank und du hast mich besucht, ich war im Gefängnis und du bist zu mir gekommen …

Im Psalm 22 lesen wir in Vers 25 einen weiteren Zuspruch: «Denn er, Gott, hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen, und als er zu ihm schrie, hörte er’s.»

Oder in 2. Mose / Exodus 3, 7 lesen wir: «Und der Herr sprach: Ich habe das Elend des Volkes in Ägypten gesehen und habe ihr Geschrei gehört über die, welche sie treiben; ja ich kenne ihre Schmerzen.»

Das fährt ein, mir jedenfalls. Ich verstehe daraus: Jesus, als dreieiniger Gott, kennt die Nöte der Menschen. Er kennt uns Menschen und Er liebt sie; also Jesus liebt uns! Er kennt unsere ganz persönliche Not, unsere Biografie, unsere ganz individuelle Geschichte mit allen «Tolggen», Hochs und Tiefs, unsere Treue und Untreue. Und in dieses wunderbare Moorgebiet oder auch in diesen undurchsichtigen Sumpf hinein, in Ihr Leben mit den facettenreichen, komplexen, rühmlichen und weniger rühmlichen Seiten, dem Status «es ist kompliziert», schaut Jesus Sie an und … wie beim «reichen Jüngling», … gewinnt Sie lieb.

Das ist der Zuspruch von Gott. Im Evangelium von Johannes lesen wir im Kap. 6, Vers 37: «Alle, die mein Vater mir anvertraut hat, werden zu mir kommen. Und ich weise niemanden ab, der zu mir kommt.»

Das ist der Schlüssel zur Gnade. Gnade, die Luther plötzlich begriff und zu lehren begann. Die Gnade vom Gekreuzigten und Auferstandenen, der alle Not, alles Leid, alles Versagen, alles Ungerechte, alles Trennende von Gott, alle Sünde, auf sich genommen hat.

Der voraussetzungslose Zuspruch gilt für Sie, für mich, auch für alle unsere Mitmenschen, unsere Nächsten: Und ich denke, genau aus diesem Zuspruch entsteht der Anspruch von Gott an mich, meinen Mitmenschen genauso zu begegnen, sie genau so zu behandeln, sie genauso anzunehmen, wie Er Sie – auch Sie und mich – annimmt.

Was heisst das konkret, für mich persönlich, in meinem Leben?

Ich denke, die Annahme von Jesus Christus soll und darf sich auch in meinem Leben auswirken.

Persönlich, wie ich meiner Ehefrau Karin – mit der ich bereits seit meiner Schulzeit zusammen unterwegs bin – begegne, auch im Umgang mit meinen drei erwachsenen Söhnen, meinen Freunden und Nachbarn, in meinem Engagement für Alkoholkranke und in der Suchtprävention als Präsident des blauen Kreuzes, bei der Beratung und Unterstützung von Asylsuchenden, in meinem beruflichen Einsatz als Gewerkschafter für gerechtere Arbeitsbedingungen, um allen ein anständiges Leben zu ermöglichen.

Ich bin sicher, jede und jeder von Ihnen hat ebenso einen ähnlichen Strauss von Auswirkungen aufzuzählen.

Wir dürfen und sollen auch den Mut haben, uns politisch zu engagieren und zu äussern. Jesus war klar parteiisch. Er ergriff Partei zugunsten von Schwachen und Benachteiligten.

Eine weltanschauliche Neutralität des Staates darf nicht Wertelosigkeit bedeuten, sonst wird sie nämlich zur Wertlosigkeit degradiert.

Als Gesellschaft haben wir Aufgaben und Verantwortung wahrzunehmen. Dort wirke ich mit, wenn wir politisch festzulegen haben,

– wie viele Mittel wir in die Entwicklungshilfe für die Ärmsten in der Ferne investieren,

– wie wir ein Rentensystem aufbauen, das auch in Zukunft ein Alter in Würde ermöglicht, wenn wir die Leistungen von Sozialversicherungen festlegen, die auch in Krisensituationen auffangen sollen,

– wenn Gesundheits- und Pflegeleistungen unabhängig von der eigenen Beitragsleistung zur Verfügung gestellt werden sollen,

– wenn wir die Aufnahme von Hilfesuchenden auf der Flucht gestalten, und at last but not least,

– wie wir mit den vorhandenen Ressourcen und unserer Schöpfung umgehen.

Und ich denke, wie im Verkehr gilt es auch zum Schutz von uns Menschen regulatorische, gesetzliche Leitplanken zu setzen, damit die Gier nach mehr, nach unbegrenztem Reichtum und Einkommen sinnvoll eingegrenzt und durch Abgaben ausgeglichen wird. Damit der Graben zwischen arm und reich nicht grösser, sondern endlich kleiner wird.

Und wenn auch Haltungen zu Sachgeschäften unterschiedlich ausfallen können, nehme ich für mich in Anspruch, das Prinzip von Luther zu leben: «Bete als nütze die Arbeit nichts. Arbeite als nütze das Beten nichts», und ich möchte mir bewusst bleiben, dass mein Leben – im Diesseits und im Jenseits «sola gratia» allein aus der Gnade Gottes Bestand hat und damit eine fast unerschöpfliche Quelle darstellt.

DenZuspruch Gottesmöchte ich weder Gleich- noch Andersdenkenden, weder Gleich- noch Andersglaubenden vorenthalten und hoffe immer wieder neu, den Augenkontakt zum Mitmenschen zu finden, mit der Hoffnung von Jesus Christus, der den «reichen Jüngling» ohne Vorbehalt anschaute … und lieb gewann. Dies obwohl dieser aus einem ganz anderen Hintergrund und Umfeld kam. Erst nach dem Zuspruch, dieser Annahme, hat Jesus auch einen Anspruch geltend gemacht.

Aus dieser Verantwortung im Umgang mit dem Zuspruch von unserem lebendigen Gott und diesem Anspruch, welcher meine/unsere Mitmenschen an mich/uns haben, schliesst sich der Bogen. Und die Lebensfarbe der Menschen ergibt bunte Lebensbilder in einem spannenden Alltag.

Vielleicht ist der Schlüssel zur tätigen Nächstenliebe, die uns Jesus lehrt, dass wir das Herz von Jesus findenund wir dann die Bedürftigen, die Hungrigen, die Benachteiligten unser Herz finden lassen– nicht mein Brotkasten oder mein Portemonnaie ist gefragt, sondern mein Herz. Der Rest folgt dann automatisch daraus.

Jeder Mensch, auch Sie, sind einzigartig. Facettenreich an Farben ist auch Ihre Persönlichkeit, auch Ihr Leben, mit all seinen Bereichen. Farbe macht bunt. Ist Ihr Leben ein wunderbares Bild, ein buntes Kunstwerk? Sie zweifeln? Der Zuspruch an die Jünger in Markus 10,27 gilt auch uns und gibt uns den Mut und den Willen, den Segen aus der Nachfolge zu leben und zu erleben. Vielleicht ist der heutige Morgen eine Motivation, das stillgelegte Projekt «Glaube» wieder in Fahrt zu bringen. Der Zuspruch liegt vor und ein buntes Leben ist zugesichert: «Jesus sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.»

Amen.

Philipp Hadorn, Nationalrat SP SO, 26. August 2018

 

* Textlesung: Markus 10, 17-27

Reichtum und Nachfolge

17 Und als er hinausging auf den Weg, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?

18 Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als der eine Gott.

19 Du kennst die Gebote: «Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren. »

20 Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.

21 Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!

22 Er aber wurde betrübt über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.

23 Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!

24 Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist’s, ins Reich Gottes zu kommen!

25 Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.

26 Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann selig werden?

27 Jesus sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.